Chronik

Von der Idee zur Umsetzung

Wasenberg wurde vor etwa 770 Jahren zum ersten Mal urkundlich erwähnt, liegt im südwestlichen Teil des Schwalm-Eder-Kreises und hat aktuell 1464 Einwohner. Der landwirtschaftlich geprägte
Charakter von einst vermindert sich kontinuierlich. Kindergarten, Allgemeinmediziner, Zahnarzt, Lebensmittelmarkt sind vorhanden, ebenso Arbeitsplätze im Bereich Handel und Handwerk. In Wasenberg können die Dinge des täglichen Bedarfs vor Ort gedeckt werden. Die meisten Berufstätigen pendeln in Richtung Stadtallendorf und Baunatal.

In den vergangenen 40 Jahren gab es 2 bemerkenswerte Veränderungen innerhalb unserer dörflichen Gemeinschaft. Der Gedanke die Umwelt für uns und unsere Kinder erhaltens- und lebenswert zu gestalten prägt uns seit den 1970er Jahren. Man kaufte umweltfreundliche Autos, isolierte sein Haus und versucht, die Kinder für den Umweltschutz zu sensibilisieren. Desweiteren konzentrierte sich durch den Verlust der politischen Eigenständigkeit der Gemeinde das Interesse der Einwohner mehr auf die eigenen Belange.
Manchmal bedarf es eines kleinen Anstoßes um zu versuchen etwas in die Wege zu leiten welches umweltfreundlich und für die Allgemeinheit nützlich ist. Dieser Anstoß kam im Juni 2013 beim Besuch eines landwirtschaftlichen Betriebs im Landkreis Marburg-Biedenkopf, wo eine Biogasanlage Strom erzeugt und mit dem dabei erzeugten warmen Wasser den Ort mit Wärme für Heizung und Brauchwasser versorgt.
Daraus entstand bei einigen Wasenberger Ü60ern die Idee, doch das gleiche für unseren Ort zu versuchen. Auf Informationsreisen durch Deutschland und Österreich wurden ähnliche Anlagen und Hersteller von entsprechender Heiztechnik besucht. Eine Gruppe von Überzeugten, zu denen neben der Ü60 auch verstärkt die jüngere Generation um die 40 teilnahm, verbreitete die Idee einer Nahwärmeversorgung im Ort. Diese Gruppe trifft sich seit über 3 Jahren jeden Mittwoch.
Auf Familienfeiern, in den Vereinen, beim Straße kehren und allen sich bietenden Möglichkeiten sprach man über die Nahwärme. Dann musste etwas passieren. Wir nahmen allen Mut zusammen und führten am 7. Nov. 2013 die erste Informationsveranstaltung in Wasenberg durch. Als Gastredner hatten wir Bernd Riehl aus Erfurtshausen und Frau Dr. Brigitte Buhse von der Bionergieregion Schwalm-Eder eingeladen. Wir hofften auf 50 Besucher und es kamen 150.

Ab diesem Tag entwickelte sich eine Eigendynamik, die nicht mehr zu bremsen war. Innerhalb von einem Jahr führten wir 9 Informationsveranstaltungen durch, mit einer ständig wachsenden Zahl von interessierten Anwesenden. Bei der 9. und letzten öffentlichen Informationsveranstaltung waren es über 300 Zuhörer. Zu jeder Informationsveranstaltung verteilten wir an alle Haushalte Informationsmaterial und suchten das Gespräch mit den Bürgern. Wir planten die Wärmegewinnung der Nahwärmeversorgung basierend auf der Biomasse Holzhackschnitzel zu realisieren.

Gründung der Genossenschaft

Die Genossenschaft wurde am 21. August 2014 gegründet. Als immer mehr Einwohner der Genossenschaft beitraten konnten wir uns nicht mehr vorstellen mit Holzhackschnitzeln in Eigenverantwortung eine sichere Versorgung unseres Ortes sicher zu stellen.
Die EAM EnergiePlus GmbH bot uns an die Wärmeversorgung zu übernehmen. Mit dem Argument für unsere Einwohner: „Nun bekommt ihr die Wärme so zuverlässig wie ihr den Strom von der EAM bekommt“ konnten wir ein Konzept präsentieren, dessen Fundamente auf dem neuesten Stand der Technik und des Umweltschutzes stehen.
Unter der Berücksichtigung des EEG 2014:

  • Die Stromeinspeisung aus Biogas muss flexibel sein
  • Mindestens 90 % müssen Garten u. Parkabfälle sein oder auf der Biotonne kommen

produziert die EAM mit 4 BHKW´s, in der Heizzentrale der Energie Wasenberg eG, Strom.
Die dabei anfallende Wärme übernimmt die Energie Wasenberg eG. Über ein eigenes 13 km langes Nahwärmenetz, wovon 6,6 km auf Privatgrundstücken verlegt sind, werden 267 Gebäude mit 1105 Einwohnern versorgt.

Die Genossenschaft betreibt das Nahwärmenetz von der eigenen Heizzentrale bis in das Gebäude des jeweiligen Genossenschaftsmitgliedes, inklusive der Hausübergabestation.

Die Investition / Finanzierung

  • Die Investitionssumme beträgt ca. 5 Mio. €
  • Das Eigenkapital beträgt 1.602.000,– €
  • Die Bafa Förderung beläuft sich auf ca. 1.530.000,– €
  • Die restliche Finanzierung wird über ein Darlehen der VR Bank Hessenland gedeckt.

Unsere örtlichen Banken, neben der VR BankHessenland eG noch die Stadtsparkasse Schwalmstadt, haben den Genossenschaftsmitgliedern eine kundenfreundliche Finanzierung bis in Höhe von 10.000,– € angeboten. Viele Hauseigentümer haben dieses Angebot genutzt weil es einfach und übersichtlich gestaltet war. Zudem spornte es an, neben der Genossenschaftseinlage noch Verbesserungen im eigenen Heizsystem, z.B. einen hydraulischen Abgleich, durchzuführen.

Die Bauarbeiten

Im Mai 2015 begannen die Bauarbeiten. Für uns war es wichtig mit der Umsetzung regional verankerte Unternehmen zu beauftragen. Die Heizzentrale wurde von Wasenberger Unternehmen termingerecht erstellt. Hervorzuheben sind die umfangreichen Eigenleistungen durch viele Genossenschaftsmitglieder.

Die EAM EnergiePLus GmbH übernahm die Planung und Bauleitung der Nahwärmetrasse.
Mit den Bauarbeiten wurde die Fa. Gringel aus Ziegenhain beauftragt. Den Rohrleitungsbau übernahm die Fa. Rotus aus Kassel. Die Arbeiten an den Gebäuden, wie Kernbohrungen und das
ordnungsgemäße verschließen dieser Öffnungen führte die ortsansässige Fa. Staufenberg durch. Alle elektrischen Verkabelungen, auch die der Datenkabel, wurden von der Fa. Wolf, ebenfalls aus
Wasenberg übernommen.

Die Genossenschaft übernahm Koordinierungsarbeiten:

  • Zusammen mit der Fa. Yados, dem Hersteller der Hausübergabestationen, wurden die örtlichen Besichtigungen mit dem Auslegen der Stationen und der Anbindung an den
    jeweiligen Heizungs- und Warmwasserkreislauf durchgeführt.

Alleine hierbei erzielten wir eine Kosteneinsparung von 110 000,– €

  • Mithilfe bei den Terminvereinbarungen für die vielen Arbeitsschritte, die bei der Einführung der Nahwärmetrasse in und um die Gebäude erforderlich waren.

Zusätzlich übernahm die Genossenschaft einfache Aufgaben, in Abstimmung mit den Fachfirmen:

  • Befüllung der einzelnen Bauabschnitte mit entmineralisiertem Wasser
  • Entlüftung und Reinigung der Nahwärmeleitung in den Gebäuden
  • Verteilung und Auslieferung der Hausübergabestationen

Die Installation der Hausübergabestationen führten die regional ansässigen Heizungsbauer Döring und Pfalzgraf durch. In enger Abstimmung mit der Genossenschaft und dem Hersteller der Hausübergabestationen gelang eine zügige und kundenfreundliche Inbetriebnahme der Gebäudeheizungen.
In der Heizzentrale sind, dank einer zeitgemäßen Datentechnik, die Verbrauchs- und Einstellungsdaten der Hausübergabestationen abrufbar. Dadurch sind Regelungen und Verbrauchsoptimierungen zentral regelbar.

Termingerecht wurde die Einweihung der Nahwärmezentrale und Inbetriebnahme des ersten Bauabschnitts von 9 km Länge am 28. Oktober 2015 gefeiert.

Das gesamte Netz ist bis auf Feinabstimmungen seit dem 1. November 2016 komplett installiert.

Ehrenamt

Vorstand, Aufsichtsrat und Beirat arbeiten ehrenamtlich. Dazu gehört auch die Erstellung der Abrechnungen und des Zahlungsverkehrs. Eine Voraussetzung dafür war, dass alle Genossenschaftsmitglieder damit einverstanden sind, dass die Geldleistungen abgebucht werden.
Als neugegründete Genossenschaft, die aus dem Stand innerhalb eines Jahres 5.000.000,– € investiert, Förderungen berücksichtigen muss, und mit 238 Genossenschaftsmitgliedern den Zahlungsverkehr abwickelt, sind wir dankbar in der VR Bank Hessenland eG den richtigen Partner gefunden zu haben.
Das gleiche gilt für alle von uns beauftragten Unternehmen. Nach guter Hanseatischer Kaufmannstradition wurde der gesamte Geldverkehr zügig abgewickelt. Probleme schieben wir keine vor uns her. Sie wurden schnell und einvernehmlich gelöst.

Vorteile der Nahwärme

Die Vorteile der Nahwärme, wie:

  • Kostenersparnisse aufgrund der weggefallenen Vorratsspeicherung.
  • Eine effiziente Energienutzung mit der kaum hörbaren Hausübergabestation.
  • Die Warmwasserversorgung über ein Frischwassermodul.
  • Die neu gewonnenen Kellerräume.
  • Die bessere Luft im Gebäude.
  • Die Versorgungssicherheit.

sind allgemein erkennbar. Nachdem wir einen Qualitätstest im Werk von ISO Plus, dem Hersteller unserer KMR-Leitungsrohre, miterleben durften und nun wissen, dass unsere Nahwärmeleitung
mindestens 200 Jahre hält, sehen wir sehr optimistisch der Zukunft entgegen.
Auch in Wasenberg selbst hat sich einiges geändert. Bedingt durch die neue gemeinsame Heizung und den dadurch nötigen Erfahrungsaustausch spricht man wieder öfter miteinander. Wenn man sich vor 3 Jahren noch mit einem „ Hallo“ begnügte, gibt es nun neben der Nahwärme auch andere Themen über die man sich austauscht.